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Sonnenwärme im blauen Glasrohr

"Vorsicht, heiß!", sagt Gerhard Mientkewitz angesichts des langen durchsichtigen Schlauchs, der aus einer Schmelzwanne in der Glasfabrik der Narva Lichtquellen GmbH im sächsischen Brand-Erbisdorf gezogen wird. Er ist aus Glas, das hier noch frisch, zäh und viele hundert Grad heiß ist.

Große Hitze werde in den Glasrohren aber auch herrschen, wenn sie ausgehärtet und verarbeitet sind, sagt Narva-Geschäftsführer Mientkewitz. Zu den Produkten des ostdeutschen Traditionsbetriebs gehören seit kurzem auch Sonnenkollektoren: "Deren Inneres heizt die Sonne auf bis zu 330 Grad auf."

Bevor die Glasrohre die Wärme der Sonne einfangen können, müssen sie ein Innenleben erhalten, das eigens bei Narva entwickelt wurde. Durch das Rohr wird eine hauchdünne Lamelle aus Kupfer geführt, die mit einer Wärme absorbierenden blauen Farbe beschichtet ist und sich im Sonnenlicht aufheizt. Abgeleitet wird die Wärme mittels einer Flüssigkeit in einem dünnen Rohr. Die "eigentliche Innovation", sagt Mientkewitz, sei eine Technologie, dank derer die Verbindung zwischen der Metallkonstruktion und dem luftleer gepumpten Glasrohr dicht bleibt, obwohl sich beide in der Hitze unterschiedlich ausdehnen. Insgesamt habe man bei der Entwicklung "in erstaunlicher Weise von der Lampe profitiert".

Lampen, genauer gesagt die Produktion von Leuchtstoffröhren, sind das eigentliche Betätigungsfeld des Unternehmens, das seit 1967 in Brand-Erbisdorf ansässig ist, einst zu einem DDR-Kombinat gehörte und nach der 1991 erfolgten Neugründung heute 350 Mitarbeiter zählt. Jährlich würden jetzt 30 Millionen Leuchtstoffröhren in Hunderten unterschiedlichen Formen und für verschiedene Zwecke hergestellt, sagt der Geschäftsführer, der 1972 als Entwickler in dem Unternehmen begonnen hat. Die Erzeugnisse tauchen Innenräume in Licht, das fast wie natürliches Sonnenlicht zusammengesetzt ist, oder lassen in Supermarkt-Theken Gemüse und Fleisch appetitlich wirken. Das Spektrum reicht von daumenstarken bis zu armdicken Röhren. Verglichen mit Branchengrößen sei Narva allerdings ein "kleines Licht", sagt Mientkewitz, der sein Unternehmen als Nischenproduzent sieht: "Wir werden geduldet, solange wir nicht zu groß sind."

Auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern stieß Narva vor vier Jahren auf die Sonnenwärme, die nach Ansicht von Mientkewitz eine "außerordentlich vernachlässigte Energieform" ist, in der Öffentlichkeit aber bislang gewissermaßen im Schatten der Photovoltaik, also der Stromgewinnung aus Sonnenlicht, und der Windenergie stehe.

Diese Einschätzung teilen auch andere Unternehmen der Branche: Die Solarthermie sei ein "schlafender Riese", sagt Timo Leukefeld, Gründer des Freiberger Unternehmens Soli Fer Solardach GmbH, das Anlagen zur Nutzung von Sonnenwärme installiert und ein Niedrigenergiehaus entwickelt hat. Mit Solarthermie ließen sich 80 Prozent der Sonnenenergie nutzen, bei der Photovoltaik seien es lediglich 15 Prozent. Leukefeld verweist zugleich darauf, dass in Deutschland wesentlich mehr Energie zur Wärmegewinnung verbraucht wird als zur Stromerzeugung: "Der Wärmemarkt ist bislang völlig unterschätzt."

Um die Wärme der Sonne besser nutzen zu können, bedarf es freilich effizienter und erschwinglicher Anlagen. Der Narva-Chef hält seine blauen Rohre schon jetzt für sehr wirksam: Für die Herstellung von zehn Röhren, wie sie für einen ein Quadratmeter großen Kollektor gebraucht würden, werde eine Energie von 250 Kilowattstunden verbraucht; der Jahresertrag des Wärmesammlers liege bei mindestens 500 Kilowattstunden. "Binnen eines halben Jahres ist die Energie zurückgeflossen", sagt Mientkewitz. "Das schafft keine andere alternative Energieform."

Mit dem Absatz ist der Geschäftsführer indes noch nicht zufrieden. Statt angepeilter 100 000 blauer Rohre werden derzeit erst 10 000 hergestellt. Die für 4,5 Millionen Euro errichtete eigens entwickelte Produktionsstrecke, in der Glasrohre wie von Geisterhand geschwenkt werden und blaue Gasflammen um die Röhrenenden züngeln, läuft nur an drei Tagen pro Woche. Am Gesamtumsatz von 33 Millionen Euro haben die Kollektoren daher bislang nur einen marginalen Anteil. Selbst einige Mitarbeiter hätten entlassen werden müssen.

Noch seien die Anlagen zu teuer, räumt Mientkewitz ein. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus in einer Gegend mit 200 Sonnentagen im Jahr müssten auf 20 Quadratmetern Sonnenkollektoren installiert werden, um die Energiekosten um die Hälfte zu senken. Eine solche Anlage koste derzeit noch zwischen 7000 und 10 000 Euro. "Wir müssen die Kosten weiter senken", sagt der Narva-Chef. Der Einbau von Sonnenkollektoren wird derzeit mit 105 Euro je Quadratmeter gefördert.

In der Branche indes wird die Erfindung aus Brand-Erbisdorf, die sich durch einen sehr hohen Wirkungsgrad auszeichnet, schon anerkannt. Beim 18. Thermie-Symposium im Kloster Banz, einem Treffen aller bedeutenden Produzenten, erhielt Narva einen Innovationspreis. Und auf einigen Dächern verrichten die blauen Röhren schon ihren Dienst - unter anderem auf einem Haus in Stockholm. Dort sammeln sie selbst im harten schwedischen Winter Wärme, wenn denn die Sonne scheint. "Das Vakuum sorgt dafür, dass sie nicht wieder abgegeben wird", sagt Mientkewitz.


06.08.2008, NARVA Lichtquellen GmbH + Co. KG

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